14. Februar 2019

 

Tod eines Unverbesserlichen

 

Arbeitsunfall. Ein Arbeiter stürzt in Thun von einer Leiter Und stirbt. Polizei und Arbeitgeber sind sich einig: Schuld am Unfall ist der Verunglückte selbst. Doch die Witwe lässt nicht locker und verlangt Aufklärung.

 

Die Regeln für Arbeitssicherheit gelten nicht für mich. Nach diesem Credo verrichtete ein 57-jähriger

Gewächshausmonteur seinen Job; Dass er sich um seine eigene Sicherheit foutierte, kostete ihn schliesslich das Leben. Oder greift diese Darstellung der Ereignisse zu kurz? Ein Gerichtsfall am bernischen Obergericht zeigt auf, dass sich die Suche nach einem Schuldigen komplexer gestaltet, als es auf den ersten Blick den Anschein macht. Besagter Unfall ereignete sich vor gut einem Jahr in Thun. Die Öffentlichkeit erfuhr via Polizeimeldung davon. Allein im Kanton Bern kommen jedes Jahr zehn Menschen bei der Arbeit ums Leben, Dutzende werden schwer verletzt. Der Mazedonier stürzte beim Bau eines neuen Gewächshauses für die Wittwer Blumen Gartenbau AG ab. Der Arbeiter starb kurz nach der Einlieferung ins Spital. Wie in solchen Fällen üblich, leitete, die Polizei Ermittlungen ein.Erste Abklärungen zeigen, dass der Mann ungesichert in fünf Metern Höhe auf den obersten Sprossen einer Leiter hantierte. Die Unfallversicherung Suva schreibt aber das Tragen eines Anseilgurtes ab drei Metern vor. Zudem ist das Stehen auf den obersten beiden Sprossen verboten. Trotz 30 Jahren Erfahrung missachtete der Mann diese Regeln. Die Ermittler stellen ich deswegen auf den Standpunkt, dass er einen Absturz in Kauf genommen hat. Ungenügende Aufsicht? Im September 2018 will die Staatsanwaltschaft Berner Oberland die Ermittlungen einstellen. Doch die Witwe erhebt beim bernischen Obergericht Einspruch - und bekommt recht. In den Erwägungen zum Entscheid, der dem «Bund» vorliegt, erwähnt das Gericht die schweren Vorwürfe der Witwe gegen den Arbeitgeber, einen Familienbetrieb aus Langenthal. Dass ihr Mann sich nicht an Sicherheitsvorschriften gehalten habe, sei dem Arbeitgeber bekannt gewesen.

Der Arbeiter war bereits früher mehrere Male so schwer von der Leiter gestürzt, dass er krankgeschrieben werden musste. zudem legte die Frau Bilder der Unfall-Baustelle yor. Diese zeigen offenbar, dass sich auch die andern Arbeiter ungeschützt auf der Baustelle bewegten. Niemand trug einen Anseilgurt. Das Gericht begründet seinen Entscheid damit, dass noch nicht genügend abgeklärt worden sei, ob der Arbeitgeber und allenfalls auch die Auftraggeberin mitschuldig seien. 

Weil Sicherheitsvorschriften nicht durchgesetzt wurden, besteht laut Gericht vielleicht sogar der Verdacht auf fahrlässige Tötung. Arbeitskollegen des verunfallten bestätigen das mangelhafte Sicherheitsbewusstsein der Firma. Bei der Einvernahme durch die Polizei gab einer zu Protokoll, dass er den Mann noch nie gesichert habe arbeiten sehen. Dies sie allen bekannt gewesen, auch dem Auftraggeber. Ein anderer Mann sagte aus, er habe diese Zustände dem Arbeitgeber schon früher gemeldet, sei aber dafür «bestraft» worden. Er habe 14 Tage zu Hause bleiben müssen und nichts verdient. Die Gewerkschaft Unia begrüsst den Gerichtsentscheid. «Aus unserer Sicht wurde der Fall bis dato ungenügend abgeklärt», sagt Christine Michel auf.Anfrage. Sie ist.bei der Unia verantwortlich für den Bereich Arbeitssicherheit. Eine Leiter gilt laut Michel als relativ unsicheres

Arbeitsmittel, das für Arbeiten ab drei Metern Höhe nicht geeignet ist. Mehr will sie vor Abschluss

der Ermittlungen nicht sagen. Sicher sei aber; dass der Arbeitgeber in der Pflicht stehe: Der Arbeitgeber müsse Gefahren erkennen und angemessene Massnahmen dagegen ergreifen. Falls Angestellte die Weisungen wiederholt missachten, stehe er in der Pflicht, nötigenfalls Sanktionen zu ergreifen. Sprich: Im Extremfall muss der Arbeitgeber Mitarbeitende entlassen. Natürlich seien auch die Arbeitnehmer in der Pflicht, den Arbeitgeber zu unterstützen, so Michel weiter.

Es sei jedoch am Arbeitgeber, für eine Arbeitskultur zu sorgen, in der Sicherheitsstandards beachtet

würden. Dies sei ein zentraler Punkt, um Berufsunfälle verhindern zu können. Die Firma selber weist jegliche Mitschuld von sich. Der Geschäftsführer und Inhaber des Familienbetriebes kann die Vorwürfe

nicht nachvollziehen. Er sagte gegenüber der Polizei, dass er seine Baustellen einmal wöchentlich

kontrolliere. Zudem betonte er in seiner Einvernahme, dass es sich beim Verunfallten um den Vorarbeiter auf der Baustelle gehandelt habe. Diesen könne man doch nicht ständig’ beaufsichtigen. Der Verunglückte sei zudem erst 2016 im Umgang mit dem Sicherheitsmaterial geschult worden. Am entsprechenden Arbeitsplatz seien zwei Hebebühnen zur Verfügung gestanden, der Mann hätte laut dem Firmeninhaber also nicht auf eine unsichere Leiter zu steigen brauchen. Auf Anfrage will sich der Geschäftsführer nicht weiter zu den Vorwürfen äussern und verweist auf das laufende Verfahren.

Absturzunfälle sind häufig Auch wenn man die Schuldfrage ausblendet, müsste das Sicherheitsbewusstsein, bei Gewächshausbauern geschärft sein, denn laut Suva-Staistik verunfallen sie mehr als doppelt so häufig wie der Durchschnitt. Da bei der Suva vor allem Risikoberufe versichert sind, handelt es sich bei diesem Durchschnitt bereits um eine besondere Auswahl. Die Suva sagt, Hauptgrund für die vielen Unfälle sei, dass die Versicherten an häufig wechselnden Arbeitsorten tätig seien. Etwa die Hälfte aller tödlichen Berufsunfälle in der Schweiz sind laut Suva Absturzunfälle. Zum konkreten Unfall in Thun teilt die regionale Staatsanwaltschaft Oberland auf Anfrage mit, dass die Ermittlungen wieder aufgenommen würden. Es kann also sein, dass die Witwe bald erfährt, ob es sich die Ermittler im ersten Anlauf nicht zu einfach gemacht haben. Im Prozess geht es womöglich nicht nur um die Frage der Schuld, sondern auch um sehr viel Geld. Denn ein Schuldspruch gegen den Arbeitgeber würde die Türen für einen Zivilprozess öffnen. So könnte die Frau oder die Versicherung Unterhaltszahlungen einfordern. Dabei geht es schnell um Beträge

von mehreren Hunderttausend Franken.

 

 

Quelle: Der Bund / Ausgabe vom 21. Januar 2019  Autor: Simon Preisig

Ein tragischer Fall, welcher immer wieder vorkommt. Hier wäre ein ASA - Beizug nach EKAS-Richtlinie 6508 sicher von Vorteil gewesen und hätte alle Beteiligten geschützt. 

Der externe ASA-Beizug hat gerade bei der Arbeitssicherheit und dem Gesundheitsschutz grösseren Einfluss auf die Sicherheitskultur und die Mitarbeiter als die firmeninternen Vorgesetzten. 

HERZIG-Expertises GmbH

Arbeitssicherheit, Gefahrgut, Qualitätsmanagement

Mühlebergstrasse 28

CH-4934 Madiswil

info@herzig-expertisen.ch

  • LinkedIn Social Icon
  • Facebook Social Icon
  • Twitter Social Icon
  • Google+ Social Icon

© 2019  HERZIG-Expertises GmbH